Der Tag ist endlich hier! Seit 4000km dreht sich in meinem Kopf alles um diesen Bergpass. Bei jedem Hügel den ich zuvor gefahren bin habe ich an den Col du Galibier gedacht.
Da das Hotel erst ab 9:00 Uhr Frühstück anbietet gibt es Heute die letzte Tüte Mountain House. Rührei mit Speck und dazu einen Karamell Kakao. Danach wird noch schnell etwas Wasser und 1-2 Müsliriegel besorgt (nicht zu viel da wir Gewicht Sparren wollen), unterwegs wird es keine Möglichkeit geben Nachschub zu kaufen. Nun geht es endlich los. Da gestern so gut lief bin ich weniger nervös und eher positiv aufgeregt, trotzdem habe ich großen Respekt vor dem was kommt. Ich weiß das es sehr anstrengend wird und ich an meine Grenzen kommen werde. Der Galibier ist das ganz große Ding. Berühmt durch die Tour de France, selbst manche Profis mussten hier schon aufgeben. Heute werde ich mein Glück versuchen, mit einem MTB, ca.18kg Gepäck, komplett abgefahrenen Bremsen und einer Gangschaltung die nur noch teilweise funktioniert.
Aus Valloire ging es erstmal 2km (recht Steil) Berg auf, danach wurde es aber noch einmal etwas flacher. Neben einem kleinen Gebirgsfluss verlief die Straße. Mit jedem Meter ging es nun steiler Berg an und die Berge links und rechts wurden größer und größer. Schon früh merkte ich meinem Kopf, mir war etwas schwindelig und ich hatte Kopfschmerzen. Nicht sicher ob es von der Höhe kommt oder mein Kopf einfach mal wieder quertreiben wollte. Eine Paracetamol sollte helfen denn aufgeben ist heute keine Option! Auf den ersten ca.10km ging es zwar auch schon ordentlich Berg auf aber es war definitiv noch machbar und fast schon moderat. Vereinzelt überholen mich Motorräder und Rennradler. Nach dem die Straße zunächst fast nur grade aus verlief, stand man nun vor einer Bergwand. Links, rechts und vor mir konnte man nur noch riesige Berge sehen. Es dauert einen Moment bis ich realisiere wo die Straße weiter geht. Ungläubig starre ich rechts auf den Hang und sehe wie sich kleine Punkte langsam im Zickzack den Berg hoch machen. Auch ich mache mich auf den Weg, eine Serpentine nach der anderen. In den kurven wird es flache und ich kann anhalten um Luft zu schnappen. Das Schwindelgefühl wird schlimmer und das Bedürfnis mich zu übergeben größer. Energie Gel und Müsliriegel werden nun in regelmäßigen Abständen eingenommen. Nach 1-2km habe ich es über diese Steile „Bergwand“ geschafft und es wird wieder etwas flacher (mit einer durchschnitt Steigung von fast 8% ist flach aber eher relativ). Auf einmal kommt mir ein Auto mit deutschem Kennzeichen entgegen, aus der selben Region aus der ich komme. Es vergehen ein paar Sekunden bis ich bemerke das es meine Eltern sind! Da ich mit meinem Bremsen definitiv nicht Berg ab fahren kann sollten die beiden mich oben einsammeln. Auf dem nächsten Parkplatz treffen wir uns. Nach 67 Tagen sehe ich meine Eltern wieder und sie bringen Geschenke. Streuselkuchen und original Dr.Pepper aus den USA. Mein Doping für die restliche Strecke. Das Schwindelgefühl lässt etwas nach aber das Bedürfnis mich zu übergeben bleibt und mein Körper beginnt immer mehr zu zittern. Ich hangele mich von Km zu Km. Bei jeder Pause versucht mein Papa mich weiter zu Motivieren und meine Mama mich davon zu überzeugen, doch einfach ins Auto zu steigen (anscheinen viel es ihr schwer zu sehen wie ich mich anstrengen muss). Mein Kopf führt Diskussionen mit sich selbst, wenn ich sehe wo es lang geht verstehe ich nicht wie es mir möglich seien soll da hoch zu fahren. Gleichzeitig rede ich mir ein das es machbar ist, AUFGEBEN IST KEINE OPTION! Auf den letzten Km ist Halteverbot, da bin ich wieder auf mich alleine gestellt. Mein Mantra: Never quit, never fu**ing quit!!! Erstaunlicherweise hilft es tatsächlich sich das immer wieder zu sagen.
In der letzten Serpentine hat man noch einmal die Möglichkeit auf die letzten ca.5km zurück zu blicken. Das Ziel ist hier nicht zu sehen aber es sind höchstens noch 500m und die sind flacher als die letzten. Als ich mir mein Rad vor diesem unglaublichen Panorama anschaue wird mir bewusst das ich wirklich grade dabei bin den Col du Galibier zu fahren. Ich versuche mich nicht zu sehr zu freuen schließlich bin ich noch nicht oben, obwohl mich jetzt auch nichts mehr aufhalten kann. Ich schalte den „Ones ready“ Podcast aus (den ich immer gehört habe wenn es wirklich anstrengend wurde, besonderst wenn es Berg auf geht) und höre auf den letzten Metern „Remember the Name, Fort Minor“
Mit letzter Kraft komme ich vor dem Col du Galibier Schild zum Stehen. Schnell verscheucht der Papa die Motoradfahre, macht ein Bild und nimmt mir mein schweres Rad ab. Auf der anderen Straßenseite setze ich mich erstmal gegen die Leitplanke und warte bis ich aufhöre zu zittern.
Es ist vollbracht der Galibier wurde bezwungen!!! Obwohl mir wirklich schlecht ist, ich zittere, meine Beine wie Wackelpudding sind und ich Hilfe beim aufstehen brauche habe ich mich noch nie besser gefühlt. Schon viele Jahre geistert der Galibier in meinem Kopf rum, heute ist der Tag an dem ich ihn bezwungen haben. Nicht auf einem schicken Rennrad sondern auf meinem kaputten und vollgepackten MTB, das macht es umso schöner.
Befahrung des Col du Galibier, ein 2642m großes FUCK YOU an all die Arschlöcher die Frauen kleinreden wollen
Fortsetzung folgt…
Komoot: https://www.komoot.de/user/1539512102956?ref=amk
Strava: https://www.strava.com/athletes/23324729



















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